InkluCity-Blog
Barrierefrei ist nicht gleich nutzbar – warum wir Zugänglichkeit neu denken müssen
· Christian Renz
Ein Restaurant schreibt auf seiner Website: barrierefrei. Nebenan das Museum bezeichnet seinen Zugang als rollstuhlgerecht. Eine Behörde weist darauf hin, dass ein (!) Aufzug vorhanden ist. Das sind gute Informationen? Vielleicht. Denn zumeist beantworten sie leider noch nicht das, was ein Mensch mit Behinderung tatsächlich wissen muss.
Denn: Komme ich dort wirklich ans Ziel? Komme ich dort durch den Eingang? Kann ich mich im Gebäude wirklich – wirklich – bewegen? Kann ich dort (sogar) die Toilette nutzen? Finde ich den richtigen Schalter? Verstehe ich die Informationen, die mir dort gegeben werden? Fragen über Fragen! Aus einem kleinen Wort – „barrierefrei“ – wird plötzlich eine ziemlich lange Liste mit begrenzten oder gar keinen Informationen. Und genau da beginnt das Problem.
Ein Aufzug macht noch keine barrierefreie Reise
Nehmen wir einen Rollstuhlnutzer, der zu einem Termin in einer Behörde möchte. Auf der Website steht: Aufzug vorhanden. Wunderbar. Doch der Weg zum Amt beginnt nun mal nicht im Aufzug. Sondern an der Tram oder der U-Bahn. Vielleicht funktioniert dort der Fahrstuhl gerade nicht oder der Zustieg erlaubt keine Rollstuhlnutzung. Möglicherweise ist die nächste Haltestelle zwar erreichbar, aber der Bordstein auf dem Weg zur Behörde nicht abgesenkt. Und dann befindet sich der barrierefreie Eingang auf der Rückseite des Gebäudes. Doch möglicherweise ist die Tür dort so schwer, dass sie ohne Hilfe kaum geöffnet werden kann.
Alles Kleinigkeiten? Nein… vor allem nicht für die Person, die vor der Barriere steht. Grundsätzlich gilt: Jede einzelne dieser Informationen kann darüber entscheiden, ob der Weg funktioniert oder eben nicht.
Barrierefreiheit ist keine Eigenschaft – sie ist eine Kette
Wir alle (also alle, die davon nicht betroffen sind) haben uns daran gewöhnt, Barrierefreiheit als Eigenschaft eines Ortes zu betrachten. Für viele Menschen funktioniert das aber anders. Sie sehen Barrierefreiheit als Kette von Abläufen. Der Startpunkt ist an der eigenen Haustür. Weitere Glieder sind Wege, Ampeln, Haltestellen, Verkehrsmittel, Aufzüge, Eingänge und Türen. Und sogar das Ziel ist nicht bei Ankunft erreicht. Denn dort stellt sich die nächste Frage: Kann ich mich am Ziel überhaupt zurechtfinden?
Ein einziges schwaches bzw. kaputtes Glied reicht aus – und die schöne barrierefreie Kette ist unterbrochen. Das klingt simpel. Es ist aber die brutale Wahrheit.
Und dann sind da noch die Menschen
Noch etwas kommt hinzu: Es gibt gar nicht „die“ Barrierefreiheit. Eine gehörlose Person benötigt andere Informationen als ein blinder Mensch. Eine Person mit starker Sehbehinderung hat möglicherweise wieder andere Anforderungen. Ein Mensch mit manuellem Rollstuhl wird einen Weg anders bewerten als jemand, der einen schweren Elektrorollstuhl nutzt. Übrigens: Auch das Alter, die körperliche Kraft oder eine Begleitperson machen einen Unterschied.
Ein Beispiel: Eine Rampe ist vorhanden. Großartig. Wenn sie aber so steil ist, dass sie mit einem manuellen Rollstuhl kaum allein bewältigt werden kann, ist die Information „Rampe vorhanden“ zwar sachlich richtig – praktisch aber nur bedingt hilfreich. Oder anders ausgedrückt: Daten allein reichen nicht. Sie müssen zur Situation eines Menschen passen.
Die richtige Frage
Vielleicht sollten wir uns also von dieser Frage verabschieden: „Ist dieser Ort barrierefrei?“ Sie ist zu grob. Sie muss ausgetauscht werden. Die bessere Frage lautet: Ist dieser Weg, dieser Zugang und dieser Ort für mich in meiner konkreten Situation nutzbar? Das ist ein erheblicher Unterschied. Barrierefreiheit wird damit nicht zu einem abstrakten Merkmal, sondern zu einer Information, mit der Menschen ihren Alltag planen können. Eigentlich sollte genau das selbstverständlich sein. Ist es aber nicht.
Informationen gibt es – nur leider verteilt
Das Absurde ist: Die meisten der benötigten Informationen existieren. Kommunen besitzen Daten. Verkehrsunternehmen wissen viel über Haltestellen und Aufzüge. Betreiber kennen ihre Gebäude und veröffentlichen auf Homepages relevante Hinweise. Auch Hotels, Restaurants, Museen oder Arztpraxen veröffentlichen Informationen auf ihren Websites. Dazu kommen Kartenangebote, Open Data und Erfahrungen von Menschen, die einen Ort bereits besucht haben. Nur liegt all das an unterschiedlichen Stellen. Vor allem ist es unterschiedlich beschrieben, unterschiedlich aktuell, unterschiedlich detailliert.
Wer heute sicher planen möchte, sucht deshalb häufig auf mehreren Websites, ruft irgendwo an, liest Bewertungen und versucht anschließend, aus all diesen Einzelinformationen ein halbwegs verlässliches Bild zusammenzubauen. Das Frustr-Prinzip lautet: Recherchieren, hoffen, bangen – und dann möglicherweise ankommen.
Unser Ansatz für eine Lösung
Aber ernsthaft: Sollte das im Jahr 2026 wirklich noch der Normalzustand sein? Aus genau dieser Frage ist InkluCity entstanden. Das Projekt befindet sich noch in der Entwicklung; eine fertige App steht noch nicht zur Verfügung. Unser Ziel ist eine digitale Infrastruktur, die künftig als App auf dem Mobilgerät drei ziemlich wichtige Fragen beantwortet:
- Wie komme ich hin?
- Wie komme ich rein?
- Wie komme ich am Ziel zurecht?
InkluCity soll Informationen nicht länger isoliert betrachten. Wege, Verkehrsmittel, Gebäude und Angebote sollen dort zusammengedacht werden. Daten sollen gesammelt, geprüft, aktualisiert und – das ist entscheidend – passend zu den Bedürfnissen eines einzelnen Menschen ausgespielt werden. Unabhängig von der Beeinträchtigung, der Einschränkung, dem Alter – und immer an den Bedürfnissen entlang beantwortet.
Nicht jeder braucht alles. Aber jeder braucht das Richtige.
InkluCity – das heißt: Barrierefreiheit beginnt mit Verlässlichkeit. Natürlich beseitigt eine digitale Infrastruktur keine Treppen. Sie repariert auch keinen ausgefallenen Fahrstuhl und verbreitert keine zu schmale Tür. Aber sie kann verhindern, dass Menschen solche Barrieren erst entdecken, wenn sie davorstehen. Und vielleicht sollten wir genau dort anfangen, Zugänglichkeit neu zu denken. Nicht bei der Frage, ob irgendwo „barrierefrei“ steht. Sondern bei der viel wichtigeren Frage: Kann ich meinen Weg selbstbestimmt planen – und kann ich mich darauf verlassen, dass er für mich funktioniert?
